MOZOM-analyse
Wir schaffen das?

- Quelle
- Bundesregierung, Bundesamt fuer Verfassungsschutz, Tagesschau, ZDFheute, Bundesanwaltschaft, BKA-context en Duitse rechtbankverslaggeving
- MOZOM-Titel
- Wir schaffen das?
- Originaltitel
- Zehn Jahre vor und zehn Jahre nach Merkels Urteil: Was zeigt die deutsche Anschlagschronologie?
- Autor
- die Redaktion
- Datum
- 27 juli 2026 om 13:20
- Thema
- MOZOM vergleicht islamistisch motivierte Anschläge und ernsthafte Pläne in Deutschland zehn Jahre vor und zehn Jahre nach dem 31. August 2015, dem Tag, an dem Angela Merkel ihren bekannten Satz „Wir schaffen das“ aussprach.
Zeitleiste im Verhältnis: 3 rote Anschlagsfälle + 2 grüne vereitelte Pläne gegenüber 14 rot + 5 grün nach 2015
Die Liste unterscheidet zwischen ausgeführten oder fehlgeschlagenen Anschlagsfällen und Plänen, die vorher vereitelt wurden. Rot markiert ausgeführte oder gesellschaftlich spürbare Anschlags-/Gewaltvorfälle; Grün markiert vereitelte Pläne. Die Farbe ist eine visuelle Einordnung des Musters, kein Beweis dafür, dass ein Satz oder ein politischer Moment jeden späteren Fall direkt verursacht hat.
Zehn Jahre vor Wir schaffen das: 3 Anschlagsfälle + 2 vereitelte Pläne
- 2006 Köln: Kofferbomben in Regionalzügen; die Explosionen blieben aus.
- 2011 Frankfurter Flughafen: tödliche Schüsse auf US-Soldaten.
- 2012 Bonn Hauptbahnhof: abgelegte Bombe, die nicht detonierte.
- 2007 Sauerland-Gruppe: vereitelte Anschlagspläne.
- 2013 Pro-NRW-Kontext: vereitelter Plan laut deutscher Berichterstattung.
Zehn Jahre nach Wir schaffen das: 14 rot + 5 grüne vereitelte Pläne/Auswahl
- 2016 Hannover: schwerer Vorfall in deutschen Sicherheitschronologien.
- 2016 Essen: Gewaltvorfall mit islamistischer Einordnung.
- 2016 Würzburg: Angriff in einem Regionalzug.
- 2016 Ansbach: Bombenanschlag nahe einem Festivalgelände.
- 2016 Berliner Weihnachtsmarkt: Lkw-Anschlag auf dem Breitscheidplatz.
- 2017 Hamburg: tödliche Messerattacke in einem Supermarkt.
- 2020 Waldkraiburg: Gewaltvorfälle mit islamistischer Einordnung.
- 2020 Dresden: tödliche Messerattacke, später islamistisch eingeordnet.
- 2021 Bayern: ICE-Messerangriff, als extremistisch motiviert untersucht.
- 2023 Duisburg: Angriff in einem Fitnessstudio und spätere juristische Einordnung.
- 2024 Mannheim: Messerangriff, der die Sicherheitsdebatte erneut verschärfte.
- 2024 Solingen: tödlicher Anschlag während eines Stadtfestes.
- 2025 München: schwerer Vorfall in deutschen Chronologien.
- 2025 Berlin: schwerer Vorfall am Holocaust-Mahnmal.
- 2016 Chemnitz/al-Bakr: vereitelter Plan für einen islamistisch motivierten Bombenanschlag.
- 2023 Castrop-Rauxel: vereitelter mutmaßlicher Gift-/Biowaffenplan mit islamistischem Verdacht.
- 2023 Hamburg/Kempten: vereitelter Plan für einen Sprengstoffanschlag laut BKA und Justiz.
- 2023 Kölner Dom: vereitelte oder abgewendete Bedrohung um einen möglichen Anschlagsplan.
- 2024 Bernau/Berlin: vereitelter Plan für einen Anschlag auf die israelische Botschaft.
Zusammenfassung des Originalberichts
Ein Vergleich des Zeitraums 31.08.2005 bis 30.08.2015 mit dem Zeitraum 31.08.2015 bis 31.08.2025 zeigt eine deutliche Verschiebung. Zählt man streng nur islamistisch motivierte Anschläge mit Opfern, kam es in der Zeit vor „Wir schaffen das“ zu einem tödlichen Anschlag: am Frankfurter Flughafen im Jahr 2011. In den darauffolgenden zehn Jahren verzeichneten deutsche Medien- und Sicherheitschronologien etwa vierzehn Anschläge bzw. Angriffe, die als islamistisch motiviert beschrieben oder untersucht wurden. Rechnet man auch gescheiterte, vereitelte oder schwerwiegende Vorbereitungsfälle mit ein, sind es etwa fünf bis sechs Fälle vor dem Nulldatum und etwa achtzehn bis zwanzig nach dem Nulldatum. Das beweist zwar keinen einfachen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang, macht die Sicherheitsfrage aber journalistisch legitim.
Eigene Zählung für Deutschland: vor und nach dem Nulldatum
Für die zehn Jahre vor dem 31. August 2015 umfassen deutsche Chronologien: die Kofferbomben in Regionalzügen bei Köln im Jahr 2006, die Sauerland-Gruppe im Jahr 2007, die tödliche Schießerei am Frankfurter Flughafen im Jahr 2011, die Bombe im Bonner Hauptbahnhof im Jahr 2012 und einen vereitelten Plan unter Beteiligung von Pro NRW im Jahr 2013. Streng ausgeführt mit Opferzählung, vor allem der Frankfurter Flughafen 2011 bleibt für die Null Datum. Für die zehn Jahre nach dem 31. August 2015 umfassen die Chronologien Hannover, Essen, Würzburg, Ansbach und Berlin im Jahr 2016, Hamburg im Jahr 2017, Waldkraiburg und Dresden im Jahr 2020, den ICE-Angriff in Bayern im Jahr 2021, Duisburg im Jahr 2023, Mannheim und Solingen im Jahr 2024 sowie München und Berlin im Jahr 2025. Je nach verwendeter Definition ergibt sich daraus ungefähr 1 gegenüber 14 Angriffen mit Opfern, oder allgemeiner etwa 5 bis 6 gegenüber 18 bis 20 schwerwiegenden Fällen, einschließlich vereitelter und gescheiterter Pläne. Auch nach 2015 gab es vereitelte Pläne, darunter Chemnitz/al-Bakr 2016, Castrop-Rauxel 2023, Hamburg/Kempten 2023, die Kölner-Dom-Bedrohung 2023 und Bernau/Berlin 2024 rund um die israelische Botschaft. MOZOM zählt diese grüne Kategorie getrennt, weil ein vereitelter Plan nicht dieselbe gesellschaftliche Wirkung hat wie ein ausgeführter Anschlag.
Was das Nulldatum bewirkt und was nicht
Der Satz „Wir schaffen das“ ist symbolisch stark, aber kein juristisches Beweisstück. Es markiert einen politischen Moment, keine automatische Ursache. Doch ein Nulldatum kann dabei helfen, ein Muster aufzudecken. Wer nur sagt, dass jeder Angriff richtlinienunabhängig sei, übersieht möglicherweise die Systemfrage. Wer sagt, dass das Urteil selbst die Auslöser für die Anschläge war, geht weiter, als die öffentlichen Quellen vermuten lassen. Die journalistisch sichere Schlussfolgerung liegt dazwischen: Nach 2015 war Deutschland nachweislich häufiger mit islamistisch motivierten Gewaltvorfällen konfrontiert, und dies erfordert eine ehrliche Debatte über Politik, Sicherheit und Integration.
Nicht die muslimischen, sondern extremistische Netzwerke
Eine sorgfältige Analyse muss eindeutig sein: Die meisten Muslime in Deutschland und Europa sind keine Extremisten, leben friedlich, arbeiten, studieren, gründen Familien und sind Teil der Gesellschaft. Genau aus diesem Grund ist es wichtig, die extremistische islamistische Ideologie klar von der gewöhnlichen religiösen Identität zu unterscheiden. Das Problem ist nicht, dass jemand Muslim ist. Das Problem entsteht, wenn eine kleine radikale Minderheit Gewalt legitimiert, junge Menschen rekrutiert, Online-Propaganda betreibt oder bestehende Aufenthalts- und Integrationssysteme missbraucht. Diese Unterscheidung schützt sowohl die Gesellschaft als auch die vielen Muslime, die nichts mit Extremismus zu tun haben.
Mögliche Botschaft hinter der Nachricht
Die sichtbare Botschaft von Wir schaffen das war Verwaltungsoptimismus und moralische Pflicht. Die kritische Gegenfrage zehn Jahre später ist, ob eine Gesellschaft neben der Aufnahme auch über ausreichend organisierte Grenzen, Screening, Integration und Schutz vor Radikalisierung verfügte.
Neutrales Fazit
Wir schaffen das? ist als Schlagzeile relevant, weil die Frage nach zehn Jahren nicht mehr nur moralisch, sondern auch administrativ und sicherheitspolitisch ist. Die Zaelung vor und nach dem 31. August 2015 beweist keine einfache Schuldfrage. Sie zeigt aber, dass Deutschland nach 2015 mit einem deutlich dichteren Muster islamistisch motivierter Anschlaege konfrontiert wurde. Eine ehrliche Debatte schuetzt Buerger vor Extremismus und friedliche Muslime vor Kollektivverdacht.
Quelle:
- Bundesregierung: Sommerpressekonferenz Angela Merkel, 31 augustus 2015
- Bundesamt fuer Verfassungsschutz: Zahlen und Fakten islamistischer Terrorismus
- Tagesschau: Chronik islamistischer Terror in Deutschland
- ZDFheute: Chronologie islamistischer Anschlaege in Deutschland
- Tagesschau: Kofferbomber Koeln
- Tagesschau: Prozess zur Bonner Bombe
- Bundesanwaltschaft: informatie over terrorismezaken
- Bundeszentrale fuer politische Bildung: Islamismus en jihadistische dreiging
- BKA: Festnahme wegen geplantem Sprengstoffanschlag, Hamburg/Kempten 2023
- Tagesschau: Anti-Terror-Einsatz Castrop-Rauxel 2023
- Tagesschau: Anschlagsplan op de Israelische ambassade in Berlijn, Bernau 2024
- Deutschlandfunk: Al-Bakr bereidde volgens Bundesanwaltschaft concreet een aanslag voor
- ZEIT: Hinweise op een mogelijk aanslagplan op de Keulse Dom 2023